Bewährtes weitergedacht

Die Hochebene ist heute aus Kitas nicht mehr wegzudenken. Anders vor 40 Jahren: Damals war das Raumbausystem Gemino eine echte WEHRFRITZ Innovation. Sein Schöpfer Reimar Quentin beobachtet heute aus dem Ruhestand die Neuauflage seines Werks. Im Gespräch mit Produktmanager Christian Schneider geht er der Faszination zweite Ebene nach. Gemeinsam ergründen sie, wie sich Innovationen weiterentwickeln und warum Gemino bis heute topaktuell ist.

Bewährtes weitergedacht

Reimar Quentin: Innovation klingt so kreativ, aber die Gründe für die Entwicklung von Gemino waren sehr handfest: Flächeneffizienz und Sicherheit. Der ursprüngliche Impuls kam aus der Kinderladen-Bewegung der 68er, bei der Kinder in leerstehenden Ladenlokalen betreut werden. Es ging darum, die Räume besser auszunutzen und den Kindern eine größere Spielfläche zu ermöglichen, denn die Läden hatten oft kleine Grundrisse. Die Raumhöhe war in der Regel kein Problem, also baute man eine Hochebene ein. Diese Ideen griffen dann auch die Kindergärten auf. Oft waren es aktive Eltern, die sich um die Einbauten kümmerten. Das Problem beim Selbstbau aber war: Jede Anlage unterlag schon damals der behördlichen Einzelprüfung. Das ist einerseits kostspielig, andererseits kann die Anlage gesperrt werden, wenn sie nicht den Sicherheitsanforderungen entspricht. Aus dieser Situation heraus entstand der Auftrag an mich, das Produkt „zweite Spielebene“ zu entwickeln. Es zeigte sich schnell, dass es ein Baukastensystem werden musste, um die Einzelprüfungen bei eingebauten Anlagen zu verhindern. Die einzeln zertifizierten Elemente ließen sich individuell zusammenstellen und einfach zusammenbauen. So kam Gemino 1986 auf den Markt und wurde gut angenommen.

Ich wollte Gemino immer neutral halten, damit möglichst viele Spielideen möglich sind. Feste Themen wie Ritterburg oder Märchenschloss, die das Spiel in eine vordefinierte Welt drängen, sind nicht meins.

Reimar Quentin - hat Gemino in den 1980er-Jahren entwickelt
Reimar Quentin

Christian Schneider: Es ist wirklich interessant, dass die Anforderungen damals schon die gleichen waren wie heute. Die Herausforderung kennen wir heute noch: Eine einzelne Einheit, die von jemandem geplant wird, der betreffend DIN-Normen nicht so viel Routine hat, erfüllt vielleicht nicht alle Sicherheitsvorgaben oder muss teuer durch ein externes Institut geprüft werden. Indem das Spielhaus mit seinen Einzelteilen bereits zertifiziert ist, erspart WEHRFRITZ den Kunden viele Kosten. Trotzdem sind die Produkte sicher und individualisierbar. Das setzen wir heute noch genau so um. Nicht verändert haben sich auch die kindlichen Grundbedürfnisse, die Gemino befriedigt: der Drang, zu erkunden, eigene Erfahrungen zu sammeln, sich zu verstecken oder zurückziehen zu können.

Gemino deckt verschiedene ästhetische Vorlieben ab, gewährleistet Sicherheit auf höchstem Niveau und ermöglicht den Kindern wertvolle Erfahrungen.

Christian Schneider - ist als Produktmanager bei WEHRFRITZ mitverantwortlich für die Neuauflage von Gemino.
Christian Schneider

Reimar Quentin: Genau. In den Kindergärten war neben der Flächeneffizienz auch immer das Ziel, den Bedürfnissen der Kinder zu entsprechen, also sensorische, motorische und kognitive Fähigkeiten zu fördern, Anreize für Rollenspiele und Rückzugsmöglichkeiten zu schaffen. Es kamen auch sehr schnell konkrete Wünsche aus den Krippen: schiefe Ebenen, Kletterelemente, unterschiedliche Materialien für die optische und taktile Wahrnehmung. Auf Basis der Nutzungserfahrungen entwickelten wir Gemino bis 2012 weiter zum Modulsystem Gemino Plus mit 400 Einzelteilen.

Christian Schneider: Die jetzige Weiterentwicklung von Gemino ist die bisher umfangreichste. In den letzten Jahren haben sich die Sicherheitsnormen wieder verändert. Das haben wir zum Anlass genommen, Gemino nochmals neu zu denken. Die offensichtlichste Neuerung ist natürlich die Optik. Die Geschmäcker haben sich in 40 Jahren doch ein wenig verändert. Die vollleibige Holzoptik mit kräftigen Farben war sehr lange beliebt in Kindergarten und Krippe, weil sie ein sehr warmes, wohnliches Raumklima erzeugt. Heute haben wir eine starke Nachfrage nach einer cleanen, zurückhaltenden und filigranen Optik, wie man sie aus dem skandinavischen Raum kennt. So passt Gemino in jede bestehende Einrichtung. Mit den zwei weiteren Gestaltungsvarianten haben wir unsere beiden Raumkonzepte grow.upp und breeze.upp abgebildet. Weniger offensichtlich sind die Veränderungen im Sicherheitsbereich, die weit über die reine Normanpassung hinausgehen. Unser Anspruch ist es, den Kundinnen und Kunden die größtmögliche Sicherheit zu bieten. Deshalb war für uns eine neue Zertifizierung wichtig, die klar aussagt: Dieses Produkt ist so sicher, wie nur möglich.

Reimar Quentin: Die Brüstungserhöhung ist eine solche Sicherheitsnorm, die sich laufend verändert hat. Bei der Erstausgabe von Gemino lag sie bei 70 Zentimetern und stieg dann sukzessive auf 85 bis 110 Zentimeter, je nach Gesamthöhe der Hochebene. Was die Farbgebung angeht, habe ich übrigens eine kleine private Feldstudie gemacht: Meiner zwölfjährigen Enkelin und meinem fünfjährigen Enkel habe ich Fotos von Gemino in verschiedenen Varianten gezeigt – alte und neue – und sie gefragt, in welcher sie spielen wollten. Beide haben sich für die neue, schlicht-weiße Anlage entschieden. Interessant, nicht?

Gemino früher und heute: Nicht nur optisch hat sich das Spielhaus von WEHRFRITZ verändert.

Christian Schneider: Wahrscheinlich würden sie aber auch mit den älteren Varianten gern spielen. Besonders an Gemino ist doch, dass es Anreize für kindliche Bedürfnisse bereitstellt: Bewegungsdrang, Entdeckungsdrang, Selbstwirksamkeit – das wird hier alles abgedeckt. Gleichzeitig ermöglicht die sichere Umgebung überhaupt erst diese Autonomie. Die Kinder nutzen das Spielhaus entsprechend ihrer Fähigkeiten. Anfangs suchen sie eher die Verstecke der unteren Ebene auf. Mit der Zeit rückt die Hochebene in den Fokus und sie beginnen zu üben, dort hochzukommen, bis sie es schaffen. Das sind Erfahrungen, die für Kinder enorm wichtig sind.

Reimar Quentin: Richtig! Krabbeln und Klettern sind im Kleinkindalter ohnehin wichtiger als Gehen. Über die Hände laufen viele Sinnesentwicklungen ab, weshalb die Materialdifferenzierung so wichtig ist. Gemino fördert Motorik und Sensorik, Forschen und Entdecken, schafft Wahrnehmungs- und Bewegungsanreize, was im Zeitalter digitaler Medien immer wichtiger wird. Es ist ein Erfahrungsumfeld für so viele Aspekte kindlicher Entwicklung. Zum Beispiel hat die schiefe Ebene einen starken Aufforderungscharakter, nicht nur zum Rutschen, sondern auch zum Hochklettern. Der Lernprozess bei Kindern ist ja nicht nur Versuch und Irrtum, sondern auch ständige Wiederholung.

Christian Schneider: Dazu kann ich eine kleine Anekdote erzählen … Bei einem Produkttest habe ich Kindern zugeschaut, wie sie anfangs die schiefe Ebene nur als Rutsche genutzt haben. Etwa zwei Stunden später sind alle Kinder die Rampe hochgeklettert und haben ganz stolz von oben gewunken. Das werde ich nie vergessen, welches Erfolgserlebnis dieses kontinuierliche Üben und Ausprobieren bei den Kindern ausgelöst hat.

Reimar Quentin: Tolles Beispiel! Genau darum geht es.

Übung macht den Meister: Anfangs wird gerutscht, später kann das Kind auch die Rampe hochklettern.

Christian Schneider: Gleichzeitig holt Gemino auch die Bedürfnisse der Beaufsichtigungspersonen, der pädagogischen Fachkräfte, des Trägers und der übergeordneten Instanz ab. Sie können den Raum sicher, aber auch gestalterisch frei und flächeneffizient nutzen. Gemino schafft diesen Spagat zwischen Sicherheit, Funktionalität und Wohlfühlraum durch seine Modularität und Individualisierbarkeit. Die Material- und Verarbeitungsqualität ist enorm hoch und das Produkt dadurch langlebig. Gleichzeitig ist es sehr flexibel nutzbar und vollgepackt mit echtem pädagogischen Mehrwert, der sich an den Kindern und ihren Grundbedürfnissen orientiert. Das alles macht es für mich zu einem beispielhaften WEHRFRITZ Produkt.

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