Drei Väter, zwei Schwestern, eine Familie

Drei Männer tun sich zusammen und gründen gemeinsam zwei Firmen. So unterschiedlich sie sind, bringt jeder seinen Teil an Erfahrung, Know-how oder Kapital mit ein. Das Dreigespann hält nicht einmal ein Jahr. Doch die kurze Zusammenarbeit legt den Grundstein für eine einzigartige Firmenfamilie.

Ein Spielwarenhersteller und ein Versandausstatter für soziale Einrichtungen – wenn man so will, sind sie von Anfang an eine Firmenfamilie: Wehrfritz und HABA, wie sie heute heißen, zwei Schwesterunternehmen, die sich ergänzen und gegenseitig inspirieren und die nicht nur bei der Belegschaft eine Schnittmenge aufweisen. Besondere Umstände führen 1938 dazu, dass nicht nur ein, sondern gleich zwei Unternehmen auf einmal gegründet werden. Möglich ist dies, weil sich drei Männer zusammentun, die sich ihrerseits ergänzen und gemeinsam mehr zu bieten haben als das Know-how für nur eine Firma: Eugen Habermaaß, Anton Engel und Karl Wehrfritz.

Der zweiseitige Gründungsvertrag der Firma Wehrfritz.
Gründungsvertrag für die Firma „Wehrfritz & Co.“ von 1938.

Der aus Tübingen stammende Kaufmann Eugen Habermaaß hat bereits Erfahrung in Sachen Spielwaren. Er ist ab 1934 bei der Spielwarenfabrik O. & M. Hausser in Ludwigsburg tätig und organisiert 1936 deren Umzug nach Neustadt bei Coburg. So kommt Habermaaß nach Oberfranken. Bereits ein Jahr später verlässt er das Unternehmen und gründet in Bayreuth die Bayerische Ostmark Gilde, eine Vertriebsgenossenschaft. Unter den Mitarbeitern ist ein gewisser Karl Wehrfritz. Dieser hat sich bereits in der Textilbranche einen Namen gemacht.

Ein Spielwarenhersteller will expandieren

Zur selben Zeit, als sich Habermaaß und Wehrfritz kennenlernen, will ein anderer Unternehmer expandieren. Anton Engel ist bereits ein erfolgreicher Produzent von Spielwaren in der Tschechoslowakei. Er will eine zweite Produktionsstätte für seine feinpolierten Holzspielwaren auf deutschem Reichsgebiet aufbauen und wird in Rodach fündig. Engel und Habermaaß lernen sich wohl über einen gemeinsamen Bekannten kennen. Die drei Männer werfen ihr Wissen zusammen: Habermaaß bringt das kaufmännische Know-how und Startkapital mit, Engel seine Erfahrungen in der Herstellung lackierter Holzwaren und Wehrfritz seinen Namen und Kenntnisse aus der Textilbranche. Die gesammelten Erfahrungen aus der Bayreuther Vertriebsgenossenschaft dürften auch nicht geschadet haben.

Eine rote Katalog-Titelseite der Firma Wehrfritz illustriert mit einer Engelsfigur.
Der Engel bleibt noch jahrelang ein Firmenzeichen bei Wehrfritz – hier 1949.

So kommt es im April 1938 zur Gründung der beiden Unternehmen. Während Eugen Habermaaß und Anton Engel für die „Firma Anton Engel“ – das heutige HABA – verantwortlich zeichnen, ist bei der Firma „Wehrfritz & Co.“ auch der namensgebende Dritte involviert. Das Handelsunternehmen, das Waren für die Ausstattung von sozialen Einrichtungen vertreibt, knüpft wohl nicht nur mit seinem Namen an den früheren Textilhandel von Karl Wehrfritz an.

Zur Zeit des NS-Regimes gegründet

Die beiden Unternehmen werden zur Zeit des Nationalsozialismus gegründet, rund ein Jahr vor Beginn des Zweiten Weltkriegs. Bekannt ist, dass sie während der Kriegsjahre Inneneinbauten für Munitionskisten sowie Aufbewahrungskisten für Präzisionswerkzeug für die Wehrmacht fertigen. Außerdem produzieren sie Holzmodelle von Panzern und anderen Militärfahrzeugen. Anfang der 1940er-Jahre werden rund 15 Zwangsarbeiterinnen aus der Ukraine beschäftigt.

Serielle Möbelproduktion ab 1955

Warum soziale Einrichtungen und insbesondere Kindergärten als Zielgruppe der Handelsfirma auserkoren werden, ist nicht überliefert. Möglich, dass die Spielwaren der Schwesterfirma ein Grund hierfür sind. Sie finden sich von Anfang im Katalog von Wehrfritz. Im Gegenzug werden die wenigen eigenen Möbel, die Wehrfritz zunächst anbietet, als Einzelstücke in der Spielzeugwerkstatt gefertigt. Richtig los geht es mit der Produktion eigener Wehrfritz Möbel erst 1955 im Werk II im ehemaligen „Eiskeller“ – ein Gebäude, das ursprünglich zur Lagerung von Eis für eine Bierbrauerei gebaut wurde. Eugen Habermaaß hat es wenige Jahre vor seinem Tod 1955 erworben, die Einweihung des Werks II erlebt er nicht mehr. Zu diesem Zeitpunkt hat sich Wehrfritz bereits bundesweit einen Namen als Kindergartenausstatter gemacht.

Ein längliches Gebäude an einer Straße in einer Winterlandschaft mit Schnee; Schwarz-Weiß-Foto.
Der Eiskeller vor dem Umbau 1954.

Schnelle Trennung der Gründer

Was die drei Gründer betrifft, so bleibt es weitgehend beim anfänglichen Zusammenwerfen des Know-hows. Karl Wehrfritz verlässt das Unternehmen früh und tritt noch im Gründungsjahr eine Stelle in seiner Heimat Frankfurt an. Sein Name bleibt dem Unternehmen erhalten. Anton Engel steigt im Jahr 1940 aus. Er hat sich schon zuvor hauptsächlich um seinen Betrieb in der Tschechoslowakei gekümmert und widmet sich diesem nun wieder ganz. Von Anton Engel bleiben eine Engelfigur als Firmenzeichen, die noch jahrelang für beide Firmen genutzt wird, sowie die Technik für die Herstellung feinpolierter Holzwaren.

Ein sitzendes Paar, Eugen und Luise Habermaaß, betrachtet ein Häusermodell, das es auf dem Schoß hält; Schwarz-Weiß-Foto.
Eugen und Luise Habermaaß bei der Betriebsweihnachtsfeier 1954.

Eugen Habermaaß wird so alleiniger Geschäftsführer beider Firmen, die „Firma Anton Engel“ wird in „Habermaaß & Co.“ umbenannt. Als Kommanditistin beider Unternehmen tritt Luise Habermaaß ein. Die Ehefrau von Eugen Habermaaß wird nach dessen Tod die Firmenfamilie zunächst allein und später mit ihrem Sohn Klaus weiterführen. Auch wenn die Zusammenarbeit der drei sehr unterschiedlichen Gründer kein Jahr hält, geht daraus etwas hervor, das bis heute von Dauer ist. Vermutlich wäre keiner von ihnen in der Lage gewesen, diesen Anfang allein zu machen.