Kindergarten 5.0: Der erweiterte Raum

„Wir erleben im Bildungsbereich derzeit einen der größten Transformationsprozesse der Geschichte“, sagt Prof. Dr. Wassilios E. Fthenakis. Er gestaltet die Pädagogik seit über 50 Jahren mit und weiß, wie der Kindergarten der Zukunft aussehen wird. Ein Gespräch mit dem renommierten Bildungsforscher über gute Startbedingungen.

Herr Prof. Dr. Fthenakis, was brauchen Kinder, um sich gut zu entwickeln?

Prof. Dr. Fthenakis: Wenn sich Kinder heute optimal entwickeln sollen, dann brauchen sie eine stimulierende Umgebung und Interaktionspartner, mit denen sie in Dialog treten. Der Dialog ist das Mittel, mit dessen Hilfe wir heute nicht nur Wissen erwerben, sondern auch Sinn konstruieren. Das Kind braucht also andere Kinder, Erwachsene, Eltern, Fachkräfte, die in Interaktion und in Dialog mit ihm treten.

Welche Rolle spielen Lernumgebungen dabei?

Prof. Dr. Fthenakis: Lernumgebungen bekommen eine noch größere Bedeutung als bisher, denn sie konstruieren die Bildung des Kindes mit. Technologien spielen gegenwärtig eine wichtige Rolle, weshalb technologisch ausgestattete und organisierte Lernumgebungen enorm an Aktualität und Interesse gewinnen. Sie erweitern den Lernprozess über den analogen in den virtuellen Raum.

Portraitfoto von Prof. Dr. mult. Wassilios E. Fthenakis. Er steht in einem Treppenhaus und trägt einen Anzug.

Zur Person

Prof. Dr. mult. Wassilios E. Fthenakis ist als Pädagoge, Anthropologe, Genetiker und Psychologe ein anerkannter Experte in der Bildungs- und Familienforschung. Über drei Jahrzehnte war er Direktor des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München. In dieser Funktion arbeitete er in den 1970er-Jahren eng mit Wehrfritz zusammen. Er gilt als einer der bedeutendsten Vordenker der modernen Kindheitspädagogik. Er war Sachverständiger des Bundesverfassungsgerichts, heute ist er unter anderem Ehrenpräsident des Didacta-Verbands.

Wie kann man sich dieses Zusammenspiel von analoger und digitaler Lernumgebung in der Praxis vorstellen?

Prof. Dr. Fthenakis: Wir haben bis jetzt die Auffassung vertreten, dass jedes Kind über seine fünf Sinnesorgane die Welt begreift. Heute reichen diese nicht mehr aus. Stattdessen können wir den Lernprozess mittels neuer Technologien massiv erweitern. Ein Beispiel: Wir setzen Drohnen im Kindergarten ein. Mit deren Hilfe können die Kinder zunächst Kooperation üben, indem sie diese gemeinsam aufbauen und ihre Konstruktion organisieren. Sie erhalten eine Lerngelegenheit zur Stärkung von technischer Kompetenz und Planungskompetenz. Wenn die Drohne schließlich fliegt, erhalten die Kinder eine Perspektive über die Welt, die sie sonst nicht hätten erreichen können.

Wenn man das alles zusammennimmt, wie sieht dann der Kindergarten der Zukunft aus?

Prof. Dr. Fthenakis: Bis jetzt dominierte ein individuumzentriertes Verständnis von Bildung. Das Konzept der Zukunft ist interaktiv. Der Raum erhält dabei eine völlig andere Bedeutung. Raumgestaltung darf nicht mehr aus Erwachsenenperspektive geschehen. Heute ist das Kind der Co-Konstrukteur seiner Bildung. Der Raum muss daher Kommunikations- und Interaktionsprozesse unterstützen. Er muss mehr Offenheit bieten und darf nicht geschlossen sein. Es muss ein kreativer Raum sein, der sich auch entwickeln kann. Und es muss ein Raum sein, der für die Restrukturierung durch die Kinder zugänglich ist. Neben dieser qualitativen gibt es auch eine quantitative Veränderung: Lernorte außerhalb des Kindergartens gewinnen an Bedeutung, weil sie für die Entwicklung von Kompetenzen wichtig sind. Das heißt, der moderne Kindergarten muss Lernräume außerhalb integrieren. Und das Dritte ist die erwähnte Verbindung von realem und virtuellem Raum. Der Kindergarten muss über Technologien verfügen, die die Einbeziehung von Lerninhalten und -prozessen auf der ganzen Welt ermöglichen.

Wie profitieren Kinder von diesen Technologien?

Prof. Dr. Fthenakis: Wenn wir die neuen Technologien im Kindergarten einsetzen, ergeben sich eine Reihe von neuen Chancen, die wir in dieser Form bislang nicht hatten. Wir können den Bildungsprozess massiv individualisieren. Wir können mittels der Technologien herausfinden, was das Kind weiß und was das nächste Angebot für dieses Kind sein sollte. Wir können Entwicklungsstörungen etwa aus dem Autismus-Spektrum mithilfe von Technologien heute viel früher erkennen. Zudem können wir mithilfe von Robotern die Sprachkompetenz der Kinder massiv unterstützen. In Finnland, zum Beispiel, wird zurzeit ein Roboter eingesetzt, der jedes Kind im Spracherwerb stärken kann – und zwar mit dem Angebot eines „native speakers“, also so, wie beispielsweise der Engländer in Oxford spricht. Mit anderen Worten: Wir können die Qualität verbessern, wir können prognostisch tätig werden, wir können den Lernprozess individualisieren. Und noch etwas ist wichtig: Wir können die Fachkräfte von Routineaufgaben entlasten, damit sie sich dem Bereich zuwenden können, der wichtig ist: der Interaktion mit den Kindern.

Prof. Dr. mult. Wassilios E. Fthenakis sitzt auf einem Stuhl und gestikuliert.
Prof. Dr. Wassilios E. Fthenakis im Gespräch.

Wir sind derzeit Zeugen des größten und aufregendsten Transformationsprozesses, den es in der Bildung je gab.

Prof. Dr. mult. Wassilios E. Fthenakis, Pädagoge und Bildungsforscher

Das bedeutet aber auch, dass das Fachpersonal eine hohe Medienkompetenz braucht, um den Kindern den Umgang mit digitalen Technologien zu vermitteln.

Prof. Dr. Fthenakis: Wir haben einen enormen Nachholbedarf im Bereich der Professionalisierung der Fachkräfte. Sie haben bisher das Kind begleitet, unterstützt und eine Lernumgebung entworfen. Das ist alles notwendig, aber bei Weitem nicht mehr ausreichend. Heute brauchen wir Fachkräfte, die mit dem Kind lernen, die aktiv den Lernprozess des Kindes mitgestalten. Wir nennen sie Co-Konstrukteure der Bildung. Und dieses Selbstverständnis verändert die Qualität der Beziehung zwischen Fachkraft und Kind total. Das Kind muss dabei im Mittelpunkt stehen und nicht – wie bisher – die Technologie. Es muss befähigt werden, die Entscheidungen selbst zu treffen, ob es Technologien einsetzt, zu welchem Zweck, mit wem und wann. Das Kind erhält die Aufgabe, die analoge und die virtuelle Welt zu verbinden und mit beiden kompetent und kreativ umzugehen. Dieser Bildungsansatz ist schon in vielen Ländern Realität. Wir müssen in Deutschland nachziehen. Insofern bin ich erfreut über Firmen wie Wehrfritz, die diese Entwicklung aufgreifen, mit Materialien umsetzen und auf diesem Wege den Fachkräften helfen, den Anforderungen gerecht zu werden.