Pionier der Vielseitigkeit

Das Stapelhocker-Set ist von Anfang an Teil des Produktprogramms von Wehrfritz. Es setzt schon damals pädagogische Prinzipien um, die bis heute wegweisend sind – aus dem tiefen Verständnis heraus, was Kinder wirklich brauchen. Über ein Möbelstück, das Geschichte geschrieben hat.

Es sind drei Hocker in verschiedenen Größen, ineinander und aufeinander stapelbar, auf der Unterseite offen, sodass sie umgedreht als Kisten oder Wannen nutzbar sind. Das ist der Spielschemel- oder Stapelhocker-Satz von Wehrfritz. Das Set ist ein echter Evergreen: Schon im allerersten Katalog ist es vertreten – und bleibt rund 80 Jahre lang im Sortiment.

Katalogseite mit Fotos vom Spielschemel-Satz der Firma Wehrfritz; Schwarz-Weiß-Foto.
Auch ein Verkaufsladen kann aus den Stapelhockern entstehen: Katalogseite von 1939.

Die Beliebtheit des Hocker-Sets verwundert nicht, ist doch sein Design auf den Gebrauch durch Kinder zugeschnitten. Die konischen Seiten sorgen für bessere Stabilität beim Sitzen. Die drei Hocker sind unterschiedlich hoch, sodass die Sitzhöhe für Kinder verschiedenen Alters passt. Dank der Schlitze an den Seiten können Kinder die Möbelstücke selbst tragen. Auch ist es äußerst praktisch, dass die Hocker platzsparend ineinander gestapelt werden können. Durch die hochwertige Verarbeitung aus massivem Kiefernholz sind die Schemel zudem sehr langlebig.

Schöpferische Fantasie anregen

„Für die 1930er-Jahre war der Spielschemel-Satz mit Sicherheit ein sehr innovatives Produkt“, sagt Horst Dwinger, ehemaliger Chef-Designer von Wehrfritz. Wer das Möbelstück entworfen hat, ist heute leider nicht mehr bekannt. Das Stapelhocker-Set zeugt aber von einem frühen Verständnis dafür, was Kinder brauchen. Ebenfalls ist im ersten Wehrfritz-Katalog dazu zu lesen: „Die schöpferische Fantasie des Kindes muß (sic) angeregt werden!“

Denn, dass der Spielschemel-Satz zum Evergreen wurde, liegt wohl nicht nur an der Produktqualität, sondern vor allem an seiner Einfachheit und der damit verbundenen Vielseitigkeit: Es handelt sich nämlich um viel mehr, als nur um Hocker mit drei verschiedenen Sitzhöhen – zumindest in Kinderaugen: Sie können als Podest für Siegerehrungen dienen, zur Treppe werden oder zum Tisch. Umgedreht entsteht aus ihnen im Nu eine Materialkiste, eine Badewanne, ein Puppenbett, ein Futtertrog, ein Boot, ein Wagen, und vieles mehr.

Ein Kind sitzt auf einem Spielschemel von Wehfritz.
Der Stapelhocker bietet für jedes Kind die passende Sitzhöhe.

Man muss die Dinge möglichst so gestalten, dass die Fantasie angeregt wird. Den Rest machen die Kinder dann von ganz von allein“, sagt auch Horst Dwinger. Genau das sei bei dem Spielschemel-Satz gelungen, weshalb er seit den Anfängen von Wehrfritz ein beliebtes Produkt war.

Flexible Spielumgebungen

Die Vielfältigkeit von Wehrfritz Produkten verdeutlicht auch eine etwas makaber anmutende Anekdote aus Horst Dwingers Erfahrungsschatz. Sie betrifft das Spieltrapez – ein von Dwinger in den 1970er-Jahren entwickeltes Möbelstück, das einiges größer als der Spielschemel, aber ebenfalls auf der Unterseite offen ist. Und sie zeigt, wie flexibel Spielumgebungen und Mobiliar für Kinder sein müssen. Denn das kindliche Spiel kennt keine Grenzen, wie Horst Dwinger bei einem Besuch im Kindergarten erleben durfte: „Die Kinder hatten mehrere Spieltrapeze zu Wannen umgedreht und zusammengeschoben. In jeder Wanne lag ein Kind. Auf die Frage, was sie denn da spielen, antworteten sie: ‚Friedhof.‘“ Eines der Kinder hatte ein Erlebnis zu verarbeiten, ist Horst Dwinger überzeugt, und die Spielkameraden unterstützten es im Spiel dabei. „Darauf kommst du nicht, wenn du am Schreibtisch sitzt und dir ein neues Produkt für Kinder ausdenken sollst.“

Alles, nur keine Ritterburg

So klar das Konzept eines Möbelstücks auch ausgedacht ist, die kindliche Fantasie eröffnet gänzlich andere Nutzungsszenarien, ist Horst Dwinger überzeugt. Dazu fällt ihm noch eine weitere Anekdote ein: „Mein Kollege Reimar Quentin hatte aus Bausteinen eine Ritterburg gebaut. Er hatte die genaue Menge und die Formen der Steine festgelegt. Übers Wochenende hat er sie nach Hause mitgenommen, um zu sehen, was seine Töchter daraus machen. Am Montag fragte ich ihn: ‚Haben sie schön damit gespielt?‘ ‚Ja, ganz toll‘, sagte er. ‚Raketenabschussrampe, Bahnhof, Tankstelle, alles haben sie gebaut. Nur keine Ritterburg.‘ Was will man mehr?“ Auch er sei oft erstaunt gewesen, was aus den Sachen, die er selbst entworfen hat, alles entstehen kann, erzählt Horst Dwinger.

Es ist immer wieder erstaunlich, wie Kinder sich im Spiel entwickeln und ihre eigenen Ideen einbringen.

Horst Dwinger, Ehemaliger Chef-Designer von Wehrfritz

Trotz seines Evergreen-Charakters findet sich der Spielschemel-Satz heute nicht mehr im Sortiment von Wehrfritz. Der Grund: „Man kann nicht sagen, der Spielschemel wird nicht mehr gebraucht. Aber irgendwann hatte jeder Kindergarten und jeder Gruppenraum mindestens einen Satz davon“, erklärt Horst Dwinger. Irgendwann sei der Markt nun einmal gesättigt. Und so fällt auch ein sehr beliebtes Produkt schließlich seiner eigenen Langlebigkeit zum Opfer.