Raumgestaltende Ideen
Wer Kindern beim Spielen zuschaut, entwirft die besten Spielräume. Nach diesem Prinzip handelnd ist Wehrfritz meist am Puls der Zeit und Vorreiter für alltagsverändernde Entwicklungen. Viele Raumprogramme sorgen für Impulse, die bis heute die Vorstellung von Raumgestaltung prägen – bis hinein in den privaten Bereich.
Dass Wehrfritz von Anfang an zu den pädagogischen Vorreitern in Sachen Möbel und Raumgestaltung gehört, beweist der innovative Spielschemel-Satz, der schon im ersten Katalog von 1939 zu finden ist. Er entspricht dem Bedürfnis nach vielseitigen Spielmöbeln genauso, wie später der stapelbare Stuhl dem Wunsch nach Ordnung im Kindergarten folgt. Die größten Innovationen von Wehrfritz gehen meist auf pädagogische Konzepte zurück. Mit seinen Raumprogrammen verändert Wehrfritz das Erscheinungsbild von Kindergärten über Jahrzehnte.
Der Raum wird aufgeteilt
Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelt die Nonne und Kindergartenleiterin Margarete Schörl das sogenannte Raumteilverfahren. Die sozialpädagogische Methode soll dem Wunsch des Kindes nach verschiedenen Aktivitäten und Gruppengrößen entgegenkommen. Entsprechend wird der Raum unterteilt, um unterschiedliche Bedürfnisse zu erfüllen: Leseecke, Ruhenische, Sitzkreis, Puppenecke, Maltisch und so weiter. Um diese Zonen herzustellen und voneinander zu trennen, braucht es Möbel. Ein normaler Schrank, der bis dahin immer an der Wand platziert wurde, eignet sich dafür nicht, weil er eine unbrauchbare und oft unansehnliche Rückwand hat. Also entwickelt Wehrfritz Schränke, die nicht nur von beiden Seiten nutzbar, sondern auch größtenteils offen sind. So sehen die Kinder direkt, welches Spielzeug wo verstaut ist, und können es sich selbstständig nehmen. Der Raumteiler ist eine Erfindung von Wehrfritz, die nicht nur die Raumgestaltung von Kindergärten, sondern auch von privaten Wohnungen bis heute prägt.
Die Raumgestaltung wird flexibel
Der Raumteiler wird laufend weiterentwickelt, bis Wehrfritz 1986 ein neues Raumkonzept auf den Markt bringt, das zwar noch auf dem Raumteilverfahren basiert, dieses aber völlig neu denkt: pluraform-plus. Statt der statischen Schränke, die den Raum gliedern, ermöglicht dieses System höchste Flexibilität durch mobile Trennwände und leichte Regale, die sich immer wieder neu anordnen und individuell nutzen lassen. Der damalige Chef-Designer Horst Dwinger entwickelt es in Zusammenarbeit mit der Sozialpädagogin Ingeborg Becker-Textor.
Bis dahin seien in Kindergärten Tische und Stühle noch die dominierenden Möbel gewesen, erinnert sich Horst Dwinger. „Frau Becker-Textor fand, das sei Quatsch, weil Kinder ohnehin nur selten am Tisch sitzen. Außerdem können sie auch auf Materialkästen oder Podesten sitzen, weshalb man nicht 25 Stühle pro Kindergarten brauche.“ Genau diese Vielseitigkeit der Möbel ist mit pluraform-plus gewährleistet. Die Grundelemente des Systems sind leichte Regale, in die verschiedene Schränke, Schubladen und andere Elemente eingehängt werden können und die gleichzeitig als Trennwände dienen. „In diesem Gliedersystem kann man alles beliebig miteinander kombinieren“, sagt Horst Dwinger.
Die Spielfläche wird erweitert
Eine weitere Innovation von Wehrfritz kommt ebenfalls in den 1980er-Jahren auf den Markt: das Raumbausystem Gemino. Die Inspiration dafür kommt laut Horst Dwinger von dem Würzburger Kunstpädagogen Wolfgang Mahlke. Dessen Konzept, das unter anderem verschiedene Ebenen im Raum vorsieht, soll Kinder dazu animieren, selbst tätig zu werden und zu improvisieren. Gemino, entwickelt vom Designer Reimar Quentin, vergrößert und erweitert den Raum um eine oder mehrere Spielebenen in der Höhe, was nicht nur mehr Spielfläche, sondern auch Rückzugsräume und ganz neue Spielarten ermöglicht.
Designer auf Feldforschung
Dass diese Raumprogramme möglich sind, liegt auch an einer findigen Design-Abteilung bei Wehrfritz. Das Unternehmen stellt mit Horst Dwinger und Günter Pries 1975 erstmals Designer ein. Zahlreiche Möbel und Raumprogramme stammen aus ihrer Feder. Sie lassen sich dabei nicht nur von der Pädagogik inspirieren, sondern suchen nach Ideen direkt bei der Zielgruppe, wie Horst Dwinger erzählt: „Wir sind jeweils einmal im Jahr eine Woche lang mit einem Außendienstleiter herumgefahren und haben Kindergärten besucht.“ Dort folgten sie dem Spiel der Kinder und fragen die Erzieherinnen nach ihren Wünschen und Vorstellungen.
Wir haben uns nicht danach gerichtet, was uns gefällt. Wir haben uns danach gerichtet, was in der Praxis gebraucht wird – was die Kinder brauchen.
Horst Dwinger, Ehemaliger Chef-Designer bei Wehrfritz